Die 56-jährige Harris hat in ihrer Karriere viele gläserne Decken durchbrochen. Besonders in ihrem Heimatstaat Kalifornien hat sie dabei auch Scherben hinterlassen.

Kamala Harris wollte Präsidentin der USA werden. Das kündigte sie im Januar 2019 vor 20 000 Anhängern im kalifornischen Oakland an, als sie ihren Präsidentschaftswahlkampf lancierte. «Weibliche Barack Obama» nannten viele die charismatische Schwarze damals. Knapp zwanzig Monate später hat Harris ihr Ziel fast erreicht: An der Seite von Joe Biden wird sie das Amt der Vizepräsidentin übernehmen.
Es ist das höchste politische Amt, das eine Frau in der 244-jährigen Geschichte der USA je erreicht hat. Erst drei Frauen hatten bisher überhaupt für das Vizepräsidentenamt kandidiert: Tonie Nathan 1972 für die Libertäre Partei, Geraldine Ferraro 1984 für die Demokraten und Sarah Palin 2008 für die Republikaner. Alle drei scheiterten, und ebenso erging es vor vier Jahren Hillary Clinton als erster Präsidentschaftskandidatin einer großen Partei. Dafür zog Harris vor vier Jahren in den Senat ein.
Als «Sozialistin» wie als «rechte Hardlinerin» verschrien
Wer ist die 56-Jährige, die ab dem 20. Januar die Nummer zwei der amerikanischen Politik sein wird? Wie Biden gilt Harris als moderate Demokratin, auch wenn Donald Trump und die Republikaner sie im Wahlkampf als Sozialistin darzustellen versuchten. Und ähnlich wie einst Biden im Senat gilt auch Harris als Brückenbauerin. Selbst viele republikanische Amtskollegen äußern sich lobend über Harris – trotz oder vielleicht gerade wegen ihres legendär harten Befragungsstils bei Senatsanhörungen. «Sie ist wirklich klug, die Leute mögen sie», sagte Senator Lindsey Graham dem «San Francisco Chronicle», Senator James Lankford nannte sie eine «gute Zuhörerin» und «extrem umgänglich».
Das Vizepräsidentenamt ist der bisherige Höhepunkt einer steilen politischen Karriere, die ihren Ursprung in Kaliforniens Bay Area nahm. Als Tochter einer indischen Tamilin und eines Jamaikaners in Oakland geboren, studierte die älteste von zwei Töchtern an der bekannten afroamerikanischen Howard University im Hauptstadtbezirk Washington. Dort knüpfte sie früh Netzwerke in der einflussreichen afroamerikanischen Studentenverbindung Alpha-Kappa-Alpha, bevor sie in Kalifornien ein Jurastudium obendrauf setzte.

Harris kann eine beachtliche Laufbahn als Juristin vorweisen. Immer wieder durchbrach sie gläserne Decken: Mit 38 Jahren wurde sie als erste Farbige Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, neun Jahre später wurde sie als erste Frau zur Justizministerin von Kalifornien gewählt. In dieser Funktion lernte Harris auch Joe Biden kennen: Sie arbeitete eng mit dessen verstorbenem Sohn Beau zusammen, dem Justizminister von Delaware, der Harris seinem Vater vorstellte.
2014 bot ihr Präsident Barack Obama das Amt der amerikanischen Justizministerin an, doch Harris schlug es aus. Sie hatte offensichtlich andere Ambitionen: Zwei Jahre später zog sie für die Demokraten in den Senat ein, als zweite Afroamerikanerin überhaupt. Dort saß sie in den renommierten Ausschüssen für Geheimdienste, Justiz und Inlandsicherheit. Auf sich aufmerksam machte sie insbesondere mit einer Art der Befragung, die Trumps Kabinetts- und Richteranwälte bei Anhörungen ins Schwitzen brachte. «Sie machen mich nervös», entfuhr es dem früheren Justizminister Jeff Sessions einmal.
In Kalifornien umstritten
Im Wahlkampf zeichneten die Republikaner Harris als linke Sozialistin, an deren Fäden der 78-jährige Biden wie eine Marionette tanzen werde. Tatsächlich war Harris im Zug ihrer Präsidentschaftskandidatur stark nach links gerutscht: Sie unterstützte den radikalen Klimaplan von Alexandria Ocasio-Cortez und versprach eine grundlegende Reform des Krankenversicherungssystems (Medicare for all).
Gleichzeitig ist Harris in ihrem Heimatstaat Kalifornien aus genau dem umgekehrten Grund bis heute umstritten: Als Staatsanwältin in ihren diversen Positionen eilte ihr der Ruf voraus, knallhart zu sein. Bis heute tragen ihr viele nach, dass ausgerechnet sie – die erste farbige Staatsanwältin San Franciscos – oft sehr hohe Strafmaße gegen farbige Straftäter forderte. Besonders umstritten ist sie, weil sie als Generalstaatsanwältin durchbrachte, dass die Eltern schulschwänzender Kinder ins Gefängnis mussten. Sie rechtfertigte dies damit, dass viele kriminelle Laufbahnen mit Schulschwänzen begännen und sie deswegen dort ansetzen müsse, um Leute vor der schiefen Bahn zu bewahren.
Erstmals eine «Miss Vice President»
Angesichts der Kurswechsel von rechts nach links und nun als «Running Mate» des moderaten Biden fragen sich viele Beobachter, wofür Harris wirklich steht. Unklar ist auch, wie sie das Vizepräsidentenamt ausfüllen wird. Wegen Bidens fortgeschrittenem Alter glauben manche, dass sie eine prominentere Rolle in der Regierung übernehmen wird als viele ihrer Vorgänger.
Harris’ Einzug ins Weisse Haus wirft auch andere Fragen auf: Ist ihr Ehemann Douglas Emhoff nun der «Second Gentleman», in Anlehnung an den traditionellen Titel der «Second Lady»? Oder der «First Gentleman»? Auch wenn es darauf noch keine Antworten gibt, steht ein anderer Titel eindeutig fest: Ab dem 20. Januar wird es in den USA erstmals «Madam Vice President» heißen.
© ddp-red; ID:201108-288829/27


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